EM-Finale in London am Sonntag

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erpie
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EM-Finale in London am Sonntag

Beitrag von erpie » Sonntag 11. Juli 2021, 10:09

Ein kommentar aus dem Tagesspiegel.
Manche von ihnen werden irritiert sein, wenn direkt nach dem Abpfiff anstelle der Emotionen erstmal ein paar Werbeclips gezeigt werden. Etwa von Qatar Airways, der Fluglinie, die offenbar mit dem Deutschen Fußball-Bund über eine Kooperation verhandelt. Nach der Werbung kann aber gleich wieder mitgejubelt oder mitgelitten werden.
https://www.tagesspiegel.de/sport/em-fi ... 08610.html

Das was Wir heute erleben ist ja noch nicht das Ende der Fahnenstange, eigentlich bleibt einem nur noch der Boykott. Die WM 22 wird zumindest von mir boykottiert, ebenso die Olympischen Spiele in 2 Wochen, bekomme dann alles nur aus den Nachrichten mit. Wird nichts stoppen oder ändern beruhigt nur das eigene Gewissen :wink:
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
(Oscar Wilde)
Gruß
erpie

Harry-Tony
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Re: EM-Finale in London am Sonntag

Beitrag von Harry-Tony » Sonntag 11. Juli 2021, 11:29

erpie hat geschrieben:
Sonntag 11. Juli 2021, 10:09
Ein kommentar aus dem Tagesspiegel.
Manche von ihnen werden irritiert sein, wenn direkt nach dem Abpfiff anstelle der Emotionen erstmal ein paar Werbeclips gezeigt werden. Etwa von Qatar Airways, der Fluglinie, die offenbar mit dem Deutschen Fußball-Bund über eine Kooperation verhandelt. Nach der Werbung kann aber gleich wieder mitgejubelt oder mitgelitten werden.
https://www.tagesspiegel.de/sport/em-fi ... 08610.html

Das was Wir heute erleben ist ja noch nicht das Ende der Fahnenstange, eigentlich bleibt einem nur noch der Boykott. Die WM 22 wird zumindest von mir boykottiert, ebenso die Olympischen Spiele in 2 Wochen, bekomme dann alles nur aus den Nachrichten mit. Wird nichts stoppen oder ändern beruhigt nur das eigene Gewissen :wink:
Irgendwie kommt bei mir vor dem Endspiel gar keine richtige Stimmung mehr auf.
Liegt vielleicht nicht zuletzt an dem, wie ich finde, zeitlich zu großem Abstand zum
letzten Spiel.
Ganz abgesehen davon, hat es natürlich schon einen leichten "Knacks" gegeben, als
"Unsere" ausgeschieden sind.
Die W/M boykottieren sicherlich sehr Viele!
Für mich braucht es zur W/M auch kein Managerspiel geben, da ich auch nichts
sehen werde.
Ich denke Mal, die meisten Sportler wären auch lieber nicht dabei, genauso wenig,
wie zur Olympiade !
Kann sein, dass ich da "bei Stefan Kunz" Mal zusehe, Leichtathletik und Radsport
schaue ich schon seit Jahren grundsätzlich nicht mehr.
Früher hatte ich Elan. Heute habe ich Wlan. Ist auch okay.

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erpie
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Ralf Rangnick: Der das Mammut jagt

Beitrag von erpie » Donnerstag 15. Juli 2021, 16:04

Ganz interessanter Bericht über das gemeinsame EM-Finale gucken...
Spoiler
Show
Ralf Rangnick: Der das Mammut jagt
Von Peter Kümmel
18-21 Minuten

Als nach zwei Minuten im Londoner EM-Finale das 1:0 für England fällt, bleibt Ralf Rangnick ungerührt. Er sagt: "Das waren sieben Sekunden von der englischen Balleroberung bis zum Tor, würde ich schätzen. Höchstens!"

Rangnick liebt es, ein Fußballspiel daraufhin zu untersuchen, ob es den Regeln entspricht – seinen Regeln, um genau zu sein. Die vielleicht wichtigste Rangnick-Regel lautet: Fußballspiele werden unmittelbar nach Balleroberungen entschieden. Wenn Mannschaft A Mannschaft B vom Ball getrennt hat, dann ist ihre Chance, ein Tor zu schießen, in den ersten acht Sekunden nach der Balleroberung am größten. Was das betrifft, ist Rangnick nach dem 1:0 erst mal zufrieden. Die Engländer haben sich an seine Regel gehalten.

Den Plan, mit Rangnick ein Spiel der Fußball-Europameisterschaft zu sehen, hatte ich schon vor Beginn des Turniers gefasst. Rangnick gilt als einer der wesentlichen Fußballmenschen im Land, eine Eminenz der sogenannten schwäbischen Fußballschule, die über die graue Funktionärsriege des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) hinausragt. Denn diese Riege erschöpft sich ja, so scheint’s, in einem sie selbst beschützenden Ballbesitz-, nein, Machtbesitzfußball und erkennt organisierten Sport vor allem als Mittel der Herrschaft. Rangnick passt da nicht dazu. Als neuen Bundestrainer hätten viele sich ihn gewünscht, doch real war diese Chance wohl nie. Rangnick ist ein Unruheherd in jedem Haus, das er betritt: ein Entwickler nicht nur von Spielern, sondern von ganzen Mannschaften und Vereinen. Unzählige Spieler hat er entdeckt und zu Stars aufgebaut (selbst an dem jungen Kylian Mbappé, dem heutigen Weltstar, war er früher dran als alle anderen); und die beiden erst unlängst aus badischem beziehungsweise sächsischem Boden gestampften Vereine TSG Hoffenheim und RB Leipzig sind im Wesentlichen sein Werk. Allerdings ist es ein von schwerreichen Unternehmern finanziertes Werk, was dem Entwickler Rangnick unter eingefleischten Fußballfans den Status eines Gottseibeiuns eingebracht hat.

Rangnick schien mir dennoch der richtige Mann, um die Phrase "Man muss das Spiel lesen können" mit Leben zu füllen. Der 63-Jährige gilt auch als einer der großen taktischen Analytiker und Spiele-Denker hierzulande, manche halten ihn für den Pionier der Raumdeckung und des Gegenpressings, des rasanten, gedankenschnellen Kontrollspiels, das es dank Jürgen Klopp (noch ein Schwabe) bis in die Premier League und in den englischen Wortschatz geschafft hat. Rangnick selbst spricht eher von "Rock-’n’-Roll-Fußball", den er spielen lassen wolle – rasanten, unterhaltsamen, auf taktischer Überlegenheit basierenden Ballsport von hoher kollektiver Intelligenz.

Rangnick war bereit zum gemeinsamen Fußballschauen. Nur: Ein passender Zeitpunkt ergab sich nie. So ratterte das Turnier dahin, die K.-o.-Phase begann, ein Elfmeterschießen schob sich ins nächste, und am Ende blieb das Finale: Italien – England. Am Finalabend aber war Ralf Rangnick weit weg: im österreichisch-slowenisch-ungarischen Dreiländereck, genauer, in einem Hotel des österreichischen Städtchens Stegersbach. Warum? Weil in der Nähe der Verein Lok Moskau trainierte, für den Rangnick – noch so ein teuflisches Detail – als Berater tätig ist. Also auf nach Stegersbach!

Rangnick wird heute Abend begleitet von einem Vertrauten und kongenialen Spielversteher, dem Videoanalysten Lars Kornetka. Mit ihm hat Rangnick soeben eine Consulting-Agentur, eine Fußballberatungs- und Problemlösungsstelle für Spieler, Trainer, Vereine und Verbände, gegründet.

Die beiden haben im Stegersbacher Hotel eine Suite, das Zimmer 433, und einen riesigen Bildschirm organisiert, vor dem sie Schreibtische aufgestellt haben. An denen sitzen wir jetzt und sehen, Notizpapier vor uns, das Finale. Ein Stadionerlebnis am Schreibtisch: Ich komme mir ein wenig so vor wie ein Wertungsrichter beim Eiskunstlaufen. Draußen regnet es auf die umliegenden Golfplätze, einst verlief in dieser Gegend die Grenze des Heiligen Römischen Reichs. Es ist eine abgelegene Ecke Europas. Und doch, kein Zweifel, ist genau hier, Zimmer 433, die große Fußballwelt. Anpfiff in London.
Im Wembley-Stadion steht's Spitz auf Knopf

Schieß niemals, sagt Rangnick, einen Elfmeter flach ins Eck. Die Engländer haben nicht auf ihn gehört. © Laurence Griffiths/​Getty Images

Rangnick und Kornetka sehen, Theaterregisseuren gar nicht unähnlich, die Möglichkeiten der beteiligten Ensembles gedanklich vor sich, wenn sie die Aufstellungen lesen. Sie wissen von jedem Spieler, wie er sich bewegt, wie weit seine Kraft und sein Blick vermutlich reichen werden, was er kann und was nicht, und vor Spielbeginn geht in ihren Köpfen das Spiel schon los: Sie bewegen diese Figuren im Geiste. Auch jetzt, da das Spiel angepfiffen worden ist, bleiben die Spieler ein wenig ihre Figuren. Die folgenden Lehrstunden erinnern an Schachunterricht: wenn der Lehrer dem Schüler beibringt, was mit einem Pferd alles anzustellen ist und was der Charakter und die Tragik eines Läufers ist.

Zunächst also: Lob für die Taktik des englischen Trainers. Englands Stürmer Kane agiert eher wie ein Mittelfeldstratege, sodass die italienische Innenverteidigung, die lebenden Brandungsfelsen Chiellini und Bonucci, ins Leere agiert.

Ralf Rangnick hat die Gabe, dem Zweidimensionalen eines TV-Sportabends so etwas wie räumliche Tiefe zu geben. Wenn ein Spieler ins Abseits läuft, stellt er das beiläufig und lange vor dem TV-Kommentator fest. Schieflagen im Spielaufbau erkennt er sofort. Und auch die zeitliche Tiefe des Ganzen steht den beiden Experten früh vor Augen. So ein Finale ist ja ein Stadionklima-Spektakel, in dem eine Wetterwende die andere ablöst. Dem Sturm der Engländer, der sofort ein Tor mit sich bringt, wird – Rangnick sieht es voraus – die Flaute, in der zweiten Hälfte des Spiels gar die Dürre der englischen Möglichkeiten folgen: Die Platzherren drohen sich am späteren Abend vor den Augen von 67.000 irritierten Supportern in furchtsame Gestalten zu verwandeln, die ihren Vorsprung hüten.

Rangnick sagt es mit einer gewissen schwäbischen Unleidigkeit: Die Engländer täten nichts, um die Italiener von der eigenen "Box" fernzuhalten und Kontrolle zu erlangen. Es gebe genaue Untersuchungen, wie nah man gegnerische Mannschaften herankommen lassen könne, ohne einen relevanten Schuss aufs eigene Tor zu riskieren. Aber die Engländer kennen diese Untersuchungen offenbar nicht. "Es ist nur eine Frage der Zeit", sagt Rangnick.

Es fällt der Ausgleich für Italien. Und während im Wembley-Stadion der englische Volksübermut der ersten Halbzeit herunterkocht zu einem Gebrodel aus Gottesanrufung, Angstgebrüll und entsetzter Vorahnung, wird Rangnick immer ruhiger: "Du kannst doch nicht im eigenen Stadion gegen Italien so spielen! Sie haben sich das 1:0 absolut verdient, haben dann aber irgendwann in den Verwaltungsmodus geschaltet. Mit den vielen brutalen Waffen auf der Bank hätte ich von Gareth Southgate erwartet, dass er auf Sieg spielt und nicht nur eine Niederlage vermeiden will."

Im Wembley-Stadion steht’s Spitz auf Knopf, und Rangnick lotet, im Hinblick auf die Verlängerung, die Tiefe beider Kader aus, als stelle er im Geist eine eigene, eine Rangnick-Mannschaft zusammen. Oder eigentlich: zwei Mannschaften, die sich in seinem Kopf duellieren. Dem englischen Trainer empfiehlt er, jetzt dringend Grealish, Rashford, Sancho und Bellingham einzuwechseln – "absolute Leistungsträger im Verein". (Als der Trainer Rashford und Sancho erst zum Elfmeterschießen einwechselt, ist er geradezu empört.) Und dem italienischen Trainer Mancini gilt folgende Warnung: "Ich würde jetzt Locatelli reinholen. Bernardeschi bringt mentalitätsmäßig nichts. Mit jeder Auswechslung hat sich die italienische Mannschaft mehr geschwächt. Ich traue ihnen nicht zu, aus dem Spiel heraus noch ein Tor zu schießen."

Was eine für die Engländer fürchterliche Vision am Horizont heraufziehen lässt: Elfmeterschießen.

Die beiden Experten im Raum 433 wetten um ein Abendessen, wer das Elfmeterschießen gewinnt; Lars Kornetka setzt auf England, Ralf Rangnick findet, die ganze Energie auf dem Platz spreche für Italien.

Natürlich hat er recht. Und er weiß auch, wie der ideale Elfmeter geschossen werden muss: nämlich höher als 1,55 Meter. Kürzlich habe der Ex-Nationalspieler Olaf Thon zwar im Frühstücksfernsehen behauptet, die beste Elfmetervariante sei der Flachschuss ins Eck, aber das stimme nicht. Alles, was tiefer als 1,55 Meter geschossen werde, sei vom Torwart tendenziell zu erhaschen.

Und so wird auch das Elfmeterschießen zu einem Exempel seiner schieren Unfehlbarkeit: Jeden Schuss misst er an seiner Regel, und das Ergebnis bestätigt seine These. Die Italiener gewinnen. Flachschüsse aus England funktionieren nicht. Lars Kornetka wird seinem Mentor Rangnick also ein Abendessen zahlen – in Backnang, Rangnicks Wohnort.

Man muss jetzt sagen, dass bei unserem Finalgespräch der ehemalige deutsche Bundestrainer Jogi Löw als so etwas wie der Elefant im Raum fungiert. Der Abwesende, der erst mal nicht erwähnt wird, aber dauernd Thema ist – weil so eindrücklich über ihn geschwiegen wird.
Was ein guter (Bundes-)Trainer tun muss

Rangnick beschreibt während des Spiels, was ein guter (Bundes-)Trainer tun muss, und umreißt damit implizit auch, ohne dessen Namen zu nennen, was der verflossene Bundestrainer augenscheinlich nicht getan hat. Nämlich: sich weiterzuentwickeln, sich fortzubilden, sich zu informieren über den Stand des Fußballs, auch unabhängig von Turnierzeiten. Ein Spielsystem nicht als Zwangsjacke über eine Mannschaft zu stülpen, sondern es den Fähigkeiten seiner Mannschaft entsprechend maßzuschneidern.

Rangnicks Kompagnon Lars Kornetka kommt in dem Zusammenhang auf Taktikfragen zu sprechen: "Es ist ja auffällig, wie schnell erfolgreiche Spielsysteme kopiert werden. Zum Beispiel das Spiel mit Dreier-Abwehrkette. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen Leuten, die etwas kopieren und verstanden haben, worum es wirklich geht, und anderen, die einfach nur Copy-and-Paste machen. Nagelsmann mit Hoffenheim, Tuchel mit Chelsea haben die Dreierkette erfolgreich gespielt, und auf einmal wird diese Formation schick. Trainer kopieren das dann in ihren Ligen ..."

Nun wirft Rangnick ein: "... und bei der Europameisterschaft!"

Womit er natürlich Joachim Löw meint, der seine Mannschaft in diesem System hatte spielen lassen, ohne dass die dafür geschult worden wäre.

Lars Kornetka fährt fort: "Man sieht, dass die Spieler sich in diesem System, in das sie hineingezwängt wurden, nicht wohlfühlen beziehungsweise gar nicht verstanden haben, welche Rolle sie darin spielen müssen. Dann geht der Sinn der Umstellung verloren."

Und nun übernimmt, in Fahrt gekommen, wieder Ralf Rangnick: "In der deutschen Startelf gegen England standen vier Spieler, die in ihren Vereinsmannschaften Dreierkette spielen. Alle anderen hatten keinerlei Erfahrung damit. Jeder Spieler, für den du dich entscheidest, sollte auf seiner besten, seiner Eins-a-Position spielen. Und das war bei der deutschen Mannschaft nicht der Fall. Man hat dem Jo Kimmich angesehen, wie wenig das der Fall war. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre geplatzt vor Unverständnis; Müller war auch nicht auf seiner Eins-a-Position. Ginter auch nicht."

Das deutsche Spiel gegen Frankreich sei ebenfalls an systemischen Missgriffen gescheitert: "Kroos und Gündoğan spielen als Doppelsechs gegen das Dreier-Mittelfeld von Frankreich – Pogba, Kanté, Rabiot. Als ich die Aufstellung sah, wusste ich: Das kann nicht gut gehen."

Viele Fußballfans in Deutschland hätten sich nach Löws Abgang einen von diesen fünf Männern als Nachfolger gewünscht: Thomas Tuchel (ebenfalls assoziiertes Mitglied der schwäbischen Fußballschule, insofern er sagt, er sei von Rangnick "infiziert und inspiriert" worden), Jürgen Klopp (der sich den Rangnick-Club TSG Hoffenheim einst als fußballstilistisches Vorbild nahm), Julian Nagelsmann, Hansi Flick – oder eben Rangnick. Rangnick war als Einziger von diesem Quintett nicht an einen Club gebunden, aber er und der DFB kamen sich trotzdem nicht näher.

Man hat, wenn man jetzt, in Zimmer 433, mit ihm spricht, den Eindruck, Rangnick sei möglicherweise der Meinung, dass der DFB ihn gar nicht verdiene. Er hätte dort vermutlich auf Reformen beharrt, die der Verband nie durchgeführt hätte.
Bei Rangnick geht es um Autorschaft

Es bereitet Rangnick ein trockenes Vergnügen, derjenige zu sein, der am Ende recht behält: der Talente in Menschen erkennt, die diese selbst noch nicht ahnen; der seit Jahrzehnten den besten Fußball aus aller Welt sieht – anfangs auf DVDs, die aus Südamerika geschickt wurden – und seine Schlüsse daraus zieht; der Leute zusammenbringt, die noch gar nicht wissen, dass sie mannschaftstauglich sind. Und der um ein Haar den 16-jährigen Kylian Mbappé überzeugt hätte, nach Leipzig zu wechseln: "Ich war in Paris, zweimal, habe mich mit den Eltern von Mbappé getroffen, da hat der noch nicht mal bei den Profis trainiert, keiner kannte ihn. Der Vater sagte nach dem zweiten Meeting: Ich geb dir meinen Jungen, aber nur, wenn du selber den Trainer machst." Rangnick war damals jedoch nicht Trainer ...

Natürlich ist der Vordenker Rangnick in Gefahr, auf seinem Weg verbrannte Erde zu hinterlassen. Er steht immer vor dem Problem, zu viel zu sagen und zu fordern. Er stört Seilschaften. Ist er zu ehrlich (wozu ihn sein Naturell treibt), verdirbt er sich den Markt. Also räuspert er sich erst mal. Das erklärt vielleicht seine raue, aufgeriebene Stimme. Ein gewisser Überdruck spricht aus ihr.

Was hält er davon, dass die nächste Fußball-WM im Unrechtsstaat Katar stattfinden wird?

"Mit der WM in Katar ist es wie mit der Super League (dem gescheiterten Plan einiger europäischer Großclubs, eine geschlossene Liga der Supermächtigen zu gründen, Anm. d. Red.). Wir wissen ja alle, dass bei der Vergabe dieser WM dafür gesorgt wurde, dass die Mehrheit der Stimmen für Katar abgegeben wurde. Wenn Menschen über die Weiterentwicklung des Fußballs entscheiden, die nicht aus dem Fußball kommen, wenn es nur noch um Geld und Gewinnmaximierung geht, das kann nicht gut sein."

Dass er selbst ein innerlich Fußballfremder wäre, kann man ihm, dem bisweilen als Oberlehrer Geschmähten, nicht vorwerfen. Er war mal Spieler – und zwar, nach eigener Aussage, ein durchaus beinharter, sehr deutscher: "Bis zum Jahr 2000 waren wir in Deutschland für alles gefürchtet, nur nicht für Strategie. Wir waren gefürchtet für unsere Tugenden: Gras fressen! Motto der Gegner war: Gegen Deutschland hast du erst gewonnen, wenn du im Bus sitzt. Ich hatte damals als Spieler sehr oft den Auftrag, dem Spielmacher der anderen den Tag zu verderben. Das gelang mir auch, aber ich hatte selber den Ball pro Halbzeit vielleicht nur zehnmal berührt – ich hatte am eigentlichen Spiel gar nicht teilgenommen. Mir war als junger Trainer schon klar, dass ich nicht so destruktiv spielen lassen möchte, wie ich selbst spielen musste."

Als Trainer, Sportdirektor oder Berater– es geht bei Rangnick um Autorschaft. Er will, dass man seine Handschrift in allem erkennt, was auf einem Spielfeld in seinem Namen geschieht: eine Spielidee, einen Geist – der in das Kollektiv fährt, das auf dem Platz agiert. Dieser Geist soll sogar in das gegnerische Kollektiv fahren: als der Schreck, es mit einer Rangnick-Mannschaft zu tun zu haben.

Rangnick nennt sich dennoch einen friedlichen Menschen, einen Pazifisten; niemals, sagt er, würde er auf ein Tier schießen oder auch nur einen Jäger auf der Pirsch begleiten. Ich erzähle ihm von der These des Verhaltensforschers Desmond Morris, der das Fußballspiel für ein rituelles Jagdspektakel hält: Die Fußballmannschaft sei mit der Urhorde zu vergleichen, die ein Beutetier jage, und das Tor des Gegners sei das Mammut, das mit dem Schuss ins Tor erlegt werde.

Rangnick, wie zu ahnen war, findet den Vergleich unsinnig. Er habe keinerlei Jagdlust oder Blutdurst in sich. Es gehe ihm ums Gewinnen – im Spiel. Und doch, ich bin sicher: Das Mammut jagt er im Geiste schon – vielleicht sogar das größte, das je gesichtet worden ist.
https://www.zeit.de/2021/29/ralf-rangni ... ettansicht
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
(Oscar Wilde)
Gruß
erpie

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