Enttäuschende Zwischenanalyse

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Enttäuschende Zwischenanalyse

Beitrag von erpie » Donnerstag 17. Juni 2021, 06:06

In der Frühphase der Pandemie sieht es so aus, als könne die Tübinger Pharmafirma Curevac als eine der ersten einen Corona-Impfstoff zur Zulassungsreife bringen. Das Rennen ist längst verloren. Die jüngsten Studiendaten des einstigen Hoffnungsträgers sorgen bei Beobachtern und Anlegern erneut für Enttäuschung.
https://www.n-tv.de/panorama/Curevac-Im ... 24932.html
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
(Oscar Wilde)
Gruß
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Re: Enttäuschende Zwischenanalyse

Beitrag von erpie » Freitag 18. Juni 2021, 08:40

CureVac-Investor Dietmar Hopp ist zuversichtlich, dass das Unternehmen auch nach den jüngsten Rückschlägen erfolgreich sein wird. Nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden Franz-Werner Haas steht CureVac ohnehin zu Unrecht in der Kritik.
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ ... 95283.html
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Re: Enttäuschende Zwischenanalyse

Beitrag von erpie » Freitag 18. Juni 2021, 09:01

Hier mal ein Versuch von wissenschaftlicher Seite die Probleme des Impfstoffes zu beschreiben. Was mich bisher echt aufgeregt hat in dem Zusammenhang mit Curevac, das sich ein Investor auch gleich zum Experten des Vakzins aufschwang.
Da Bezahlschranke hier der gesamte Text
Spoiler
Show
Die Curevac-Story: War’s das mit dem zweiten deutschen Impfwunder?
Sascha Karberg
14-16 Minuten

Tiefschläge hat Ingmar Hoerr im Laufe seines Lebens als Biotech-Entrepreneur immer wieder hinnehmen müssen: Obwohl er als Doktorand an der Universität Tübingen 1999 entdeckt, dass mRNA-Moleküle, die Genkopien aus Ribonukleinsäure, als Impfstoff gegen Viren und Krebs funktionieren könnten, bleibt das Interesse selbst renommierter Fachblätter wie „Nature“ zur Enttäuschung des Jungforschers aus.

Als der Biologe 2000 mit zwei Kollegen das Unternehmen Curevac startet, die weltweit erste mRNA-Impfstofffirma, fehlt das Geld, weil genau zu diesem Zeitpunkt der „Neue Markt“ kollabiert und kaum noch jemand in die risikoreiche Medikamentenentwicklung investieren will.

Curevac berappelt sich zwar, findet Hilfe bei den Milliardären Dietmar Hopp, Bill Gates und Elon Musk, und bekommt mit der Coronakrise Anfang 2020 die einmalige Gelegenheit, die Wirksamkeit von mRNA unter Beweis zu stellen. Doch da platzt im Kopf des Schwaben eine Ader, wochenlang ringt er mit dem Tod und braucht Monate, um wieder auf die Beine zu kommen.
Niemand glaubte an seine Idee Dieser Mann hat den Corona-Impfstoff erst möglich gemacht

Doch damit nicht genug. Jetzt muss er aus der zweiten Reihe – nicht mehr involviert in die Entscheidungen Curevacs und nur noch Eigner weniger Anteile – mit ansehen, dass der Covid-19-Impfstoff seiner Firma in einer vorläufigen Zwischenanalyse deutlich weniger Wirksamkeit zeigt als die Konkurrenz-Vakzine: 47 Prozent, etwa halb so viel wie die Impfstoffe von Biontech und Moderna, die ebenfalls auf der mRNA-Technik beruhen.

Nach der Veröffentlichung der Nachricht Mittwoch Nacht brach der Kurs der Curevac-Aktie am Donnerstag um rund 40 Prozent ein. „Wir hatten auf stärkere Ergebnisse der Zwischenanalyse gehofft“, konstatiert Franz-Werner Haas, der aktuelle Geschäftsführer Curevacs. Das Rennen um die ersten Coronaimpfstoffe hatte die Tübinger Firma schon verloren, nun wird sie auch im Wettlauf um das „beste“, weil kostengünstigere und ohne aufwändige Kühlung verschickbare Vakzin zurückgeworfen, denn diese für Entwicklungsländer wichtigen Eigenschaften des Curevac-Impfstoffs nützen wenig, wenn die Wirksamkeit geringer ist als die der Konkurrenzprodukte von Biontech und Moderna, Johnson+Johnson, Astrazeneca, Novavax und anderen.

Für Hoerr ein „Schockmoment“ – aber bei seiner Vita ist es nicht überraschend, dass der Unternehmer selbst in so einer Situation noch nach vorne blickt. Auch wenn er sich natürlich eine höhere Wirksamkeit gewünscht hätte, „die Studie zeigt, dass Curevacs mRNA-Technik grundsätzlich funktioniert“, sagt er dem Tagesspiegel am Donnerstag.

Das hatten allerdings auch schon die beiden Konkurrenzfirmen, die Mainzer Biontech, gegründet acht Jahre nach Curevac, und die 2011 gestartete Bostoner Moderna Ende 2020 gezeigt. Dass die Ergebnisse Curevacs womöglich nicht so eindeutig geraten würden wie bei diesen beiden, hatte Hoerr bereits geahnt.

Beide konnten ihre Studien schon zu einem Zeitpunkt starten, als noch die ursprüngliche Virusvariante aus Wuhan umging. Im Dezember 2020, als Curevacs Tests begannen, kursierten hingegen bereits viele verschiedene Versionen von Sars- CoV-2 in Südamerika, wo zahlreiche Studienteilnehmer rekrutiert wurden. Hoerr hofft nun auf die zweite Vakzin-Generation – auf an diese Varianten angepasste Impfstoffe, an denen Curevac bereits gemeinsam mit dem britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline arbeitet.

Unabhängig von Hoerrs persönlicher Tragik zeigt das Zwischenergebnis, wie komplex die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen ist, dass es mit der Freigabe von Patenten und dem Nachkochen von Rezepten allein eben nicht getan ist, sondern von den richtigen Experimenten, den richtigen Entscheidungen, dem richten Studiendesign und vielleicht auch einem Quäntchen Glück abhängt. „Es braucht jetzt eine saubere Analyse, was genau das Problem ist“, sagt Hoerr.

Mindestens vier Faktoren gibt es, die als Ursache für Curevacs Misserfolg in Frage kommen. Zum einen könnte die Dosis, die Menge der mRNA-Moleküle, zu gering sein. Denn es müssen genügend RNA-Moleküle in die Zellen gelangen, damit sie dort in das „Stachel“-Protein des Sars-CoV-2-Virus übersetzt werden und als Impfwirkstoff funktionieren können.

Anders als Biontechs Comirnaty-Vakzin, in dem 30 Mikrogramm mRNA-Moleküle enthalten sind, und Modernas, die 100 Mikrogramm brauchen, meinte Curevac in den ersten Tests an Menschen in der Phase-I-Studie zwölf Mikrogramm als die ideale Dosis gefunden zu haben.
Curevac-Gründer im Interview „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“

„Das könnte zu wenig sein“, mutmaßte Steve Pascolo bereits lange bevor die Zwischenergebnisse der Studie veröffentlicht wurden. Der RNA-Experte ist einer der Mitgründer Curevacs, leitete dort die Forschungsabteilung, bis er den Posten und alle Anteile zurückgab und zurück in die Grundlagenforschung am Universitätsspital Zürich ging, wo er gelegentlich gemeinsame Forschungsprojekte mit Biontech durchführt.

Zwar hätten die Phase-I-Tests gezeigt, dass zwölf Mikrogramm das Immunsystem etwa so stark anregen wie eine Infektion mit Sars-CoV-2. Der Körper produziert also ähnlich viele Antikörper und Immunzellen, die gegen das „Stachel“-Protein des Virus vorgehen. „Bei Biontechs und Modernas Impfstoffen wurde in diesen Tests aber eine noch stärkere Immunreaktion ausgelöst, die über die natürliche hinausgeht“, sagt Pascolo.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Dosis womöglich zu gering gewählt ist, ist die Altersabhängigkeit der Wirkung des Impfstoffs. Jüngere, deren Immunsystem noch fit ist, reagieren auf das Mittel besser, sind besser geschützt als Ältere. Womöglich hätte Curevac in der Phase-I-Studie nicht nur Dosierungen zwischen zwei und zwölf Mikrogramm, sondern auch höhere Dosen von 20 oder 30 Mikrogramm testen und erst dann auswählen sollen, meint Pascolo.

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Doch ob tatsächlich allein ein wenig mehr mRNA-Moleküle den Unterschied machen, ist unklar. Ebenso könnte es an der etwas anderen mRNA-Technologie liegen, die Curevac nutzt. Sowohl Moderna als auch Biontech verwenden beim Zusammenbau der mRNA-Moleküle einen Baustein, der in menschlicher RNA nicht vorkommt: Pseudouridin, gewissermaßen ein Tarnumhang für RNA-Moleküle. Den brauchen sie, weil Zellen auf eine Welle fremder RNA-Moleküle normalerweise allergisch reagieren. „Wächter-Proteine“ sichten die RNA und schlagen Alarm, wichtige Zellprozesse werden gestoppt und mitunter begehen die Zellen sogar Selbstmord – eine natürliche Reaktion, um sich vor Virusinfektionen zu schützen, die häufig mit RNA-Massen einhergehen.

Biontech und Moderna umgehen diese Reaktion, indem sie die RNA mit dem Pseudouridin-Tarnumhang gewissermaßen unsichtbar für die Wächter machen. Curevac hat diese Technik eigenen Angaben zufolge auch getestet, sich aber für einen anderen Weg entschieden: Sie verwenden nur die vier natürlichen RNA-Bausteine, passen deren Abfolge in der mRNA aber so an, dass sie noch als Impfstoffbauplan funktionieren, aber den Wächterproteinen entgehen.

Ist die schlechte Wirksamkeit des Curevac-Impfstoffs ein Hinweis, dass Curevacs Ansatz eine Sackgasse ist und Biontech und Moderna technologisch auf dem „richtigen“ Weg wandeln? Das kann bislang niemand sagen, denn die Studien sind nicht vergleichbar. „Wenn man einen Berg besteigt, dann kann man Pfad A nehmen oder Pfad B“, sagte Ugur Sahin, der Biontech mit seiner Frau Özlem Türeci gegründet hat, dem Tagesspiegel im April. Für den Pfad, den Biontech genommen habe, seien die Pseudouridin-Veränderungen wichtig gewesen. Man habe – wegen der gebotenen Eile – auf einen Aufreinigungsschritt nach der mRNA-Synthese verzichten wollen, was die Modifikationen nötig gemacht habe. „Aber wenn man einen anderen Pfad nimmt, dann braucht man das nicht.“ Biontech verwende etwa in allen Studien, in denen mRNA- Impfstoffe gegen Krebsformen getestet werden, unmodifizierte, also „Uridin-mRNA“, betont Özlem Türeci: „Da sind alle Schritte so gewählt, dass die Uridin-mRNA ihr volles Potenzial entfalten kann.“[

Denn tatsächlich kann es für das Auslösen einer Immunreaktion und das Ausbilden eines Immungedächtnisses zuträglich sein, die zelluläre Notreaktion auszulösen. In zahlreichen Impfstoffen wird eben das durch extra hinzugefügte Adjuvanzien, also Impfverstärker, getan, etwa Aluminiumoxide.

Ein weiterer Grund für die geringe Wirksamkeit des Curevac-Impfstoffs könnte außerhalb des Einflusses des Vakzins liegen: Anders als Biontech und Moderna, die in ihren Zulassungsstudien praktisch ausschließlich Probanden hatten, die der ursprünglichen Wuhan-Variante des Virus ausgesetzt waren, musste Curevacs Impfstoff gegen diverse Virusvarianten antreten. Von den bislang ausgewerteten 134 Covid-19-Fällen, die unter den rund 40.000 Studienteilnehmern auftraten, war nur einer mit der ursprünglichen Variante infiziert. 57 Prozent stammten von „Variants of Concern“, den neuen, besorgniserregenden Virusmutanten. Weitere 21 Prozent waren die weniger bekannten Lambda- und C.37- (die zuerst in Peru beobachtet wurden) und B1.621-Varianten (Kolumbien).

Das im vergangenen Jahr neu errichtete Labor- und Forschungsgebäude von Curevac in Tübingen.

Ein Vergleich der Biontech- und Moderna-Studien mit Curevacs sei vor diesem Hintergrund, wie einer zwischen „Äpfeln und Birnen“, so beschreiben es die Biotechanalysten der Investmentbanking-Beratungsfirma Evercore ISI. Man müsse die Daten vergleichen, die zu den jeweiligen Virusvarianten vorhanden sind. Demnach liege etwa die Wirksamkeit des Curevac-Impfstoffs gegen die britische Variante B.1.1.7 (Alpha) bei etwa 60 Prozent – Astrazenecas Impfstoff hat eine Wirksamkeit von 71 Prozent gegen diese Variante, Angaben der WHO zufolge. Und die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die südafrikanische Variante lag auch bei Johnson & Johnsons Impfstoff nur bei 52 Prozent, bei Astrazeneca bei 57 Prozent. Diese „genauen Analysen“, auf die auch Hoerr verweist, werden jedenfalls Zeit in Anspruch nehmen.

Zeit, die Curevac nicht hat. Denn die hat die Firma schon zu Beginn der Coronakrise und des Impfstoffwettlaufs verloren. Nicht nur durch Hoerrs Erkrankung und den späteren Start der Covid-Impfstoffentwicklung, sondern auch, weil der Firma etwas fehlte, ohne das kaum eine Medikamentenentwicklung mit zehntausenden Probanden möglich ist: viel Geld.

Moderna, „die eh schon viel Geld hatten“, so Friedrich von Bohlen und Halbach, langjähriger Aufsichtsrat Curevacs, hatte zu Jahresanfang noch einmal 483 Millionen US-Dollar von der Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) bekommen. Und im Juli folgten weitere 472 Millionen US-Dollar. Biontech hat das US-Unternehmen Pfizer, den umsatzstärksten Pharmakonzern der Welt, bereits seit 2018 als Impfstoffentwickler als Partner, der den Mainzern 748 Millionen US-Dollar für die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs zur Verfügung stellte, plus 120 Millionen von der chinesischen Fosun Pharma. „Zwei Unternehmen mit zwei entschlossenen CEOs und jeweils rund einer Milliarde im Portemonnaie“, sagt Bohlen. „Und uns fehlte beides.“

Für Curevac gab es zwar Geld, etwa 300 Millionen Euro von der Bundesregierung, über die Kreditanstalt für Wiederaufbau, und auch 213 Millionen US-Dollar vom Börsengang in New York. Doch die „etwa 400 Millionen Euro“, die laut Geschäftsführer Haas für die Zulassungsstudie des Corona-Impfstoffs nötig waren, hatte das Unternehmen erst spät, später als die Konkurrenz, zusammen. Auch die Kooperation mit Bayer, kein versierter Impfstoffhersteller, kam zu spät. So spät, dass die Studie erst zu einem Zeitpunkt gestartet werden konnte, zu dem die Bedingungen andere waren als für die anderen mRNA-Hersteller.

Doch der Cocktail der Gründe darf nicht darüber hinweg täuschen, dass es Biontech und Moderna offenbar besser gelungen ist, diese Schwierigkeiten zu umschiffen und schnell und professionell genug das Potential der mRNA genutzt und umgesetzt haben, als es nötig war. Ingmar Hoerr hat diese Leistung neidlos anerkannt. Dass er selbst nicht mehr mithelfen kann, die Firma, die er einst gegründet hat, aus dieser Krise herauszuführen, das „schmerzt“, sagt er. Die Gewissheit, entscheidend an der Entwicklung einer Impfstofftechnologie beteiligt gewesen zu sein, die dabei ist, eine der größten Pandemien der jüngeren Geschichte zu beenden, kann ihm indes niemand und nichts mehr nehmen.

Sascha Karberg leitet das Ressort Wissen/Forschen beim Tagesspiegel und ist Autor des Buches „Der Mann, der das Impfen neu erfand – Ingmar Hoerr, Curevac und der Kampf gegen die Pandemie“.
https://plus.tagesspiegel.de/die-cureva ... 65180.html
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
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