Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

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erpie
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Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von erpie » Dienstag 6. April 2021, 21:41

Klingt interessant.

Amerika im Griff eines Konzerns: So skrupellos spaltet Amazon die Gesellschaft
8 - 10 minutes

Im März 2019 strahlte der größte Lokalsender der Stadt zur Primetime die Dokumentation „Seattle is Dying“ aus, eine notdürftig als humanistischer Hilferuf kaschierte Forderung nach Law-and-Order.

Auf dem dramatischen Höhepunkt von Obdachlosigkeit, Opioid-Epidemie und Kriminalitätsrate kamen in der einstündigen Sendung Polizisten, Geschäftsleute und Einwohner:innen der „Smaragdstadt“ an der Nordpazifikküste zu Wort.

Ein Bildmotiv, unterlegt mit bedrohlicher Musik, war darin besonders prominent platziert: zugemüllte Zeltsiedlungen unter Hochstraßen, im Hintergrund Wolkenkratzer.

Seattle gehörte in den 2010er Jahren zu den am schnellsten wachsenden Städten in den USA, innerhalb von fünf Jahren hatten sich die Preise für Wohnraum mehr als verdoppelt.

Der wirtschaftliche Boom sorgte für eine so „radikale“ Verdrängung, „dass der Begriff ,Gentrifizierung’ das, was dort geschehen war, nicht mehr hinreichend beschreiben konnte“, wie es der Reporter Alec MacGillis in seinem Gesellschaftsporträt „Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“ formuliert.

Einen entscheidenden Faktor für dieses soziale Gefälle erwähnt die TV-Dokumentation allerdings mit keiner Silbe: den Onlinehändler Amazon, der in Seattle seinen Hauptsitz hat.
Ein Steuerparadies für Unternehmer

Es ist kein Zufall, dass sich einige der größten Technologie-Unternehmen des 20. Jahrhunderts (Boeing, Microsoft, Amazon) in dem ehemals verschlafenen Städtchen an der kanadischen Grenze ansiedelten.

Der Bundesstaat Washington gilt als Steuerparadies für Unternehmer, Familien mit niedrigem Einkommen zahlen dagegen den höchsten Steuersatz in den USA.

Es war daher eine logische Entscheidung für Jeff Bezos, ein Libertärer mit einer „Obsession für Steuerersparnisse“ (und darin so kreativ wie skrupellos), wie der politische Kolumnist Franklin Foer 2017 anmerkte, sein Start-up nicht in der Tech-Enklave Silicon Valley, sondern 1400 Kilometer nördlich zu gründen.

Das Cover von „Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Die Tech-Big-Five (Google, Microsoft, Facebook, Apple, Amazon) gehören in der Pandemie zu den Gewinnern; sie bestätigen somit die kapitalistische Gesetzmäßigkeit, dass diejenigen, die ohnehin schon viel besitzen, von Krisen am meisten profitieren.

Die Coronakrise hat allerdings nur eine Entwicklung beschleunigt, die sich seit Jahrzehnten vollzieht: die immer größere Schere zwischen arm und reich, die Konzentration gut bezahlter Jobs in Städten und deren Einzugsgebieten, die Erosion gesellschaftlicher Infrastrukturen (Pflegewesen, Bildung, Wohnungsmarkt, Verkehr) und eine steigende Zahl strukturschwacher Kommunen.

Den Digitalkonzernen, die ihre Milliarden-Gewinne nahezu steuerfrei erwirtschaften, kommt in diesem Prozess eine zentrale Rolle zu. Aber kein Unternehmen treibt die schleichende Umgestaltung der Gesellschaft so zielstrebig voran wie Amazon.

Demonstranten in Huston bekunden ihre Solidarität mit Amazon-Mitarbeitern in Alabama, die den ganzen März schon streiken. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen und eine eigene Gewerkschaft.

Wie sehr sich der Wind seit der Pandemie politisch gedreht hat, zeigt die jüngste Twitter-Fehde zwischen Jeff Bezos und dem US-Demokraten Bernie Sanders. Auch Joe Biden kritisiert die Zahlungsmoral von Amazon schon länger öffentlich.

Gleichzeitig gerät der Onlinehändler vonseiten der Amazon-Angestellten, die weder nach Tarif bezahlten werden noch Anspruch auf Toilettenpausen haben, immer stärker unter Druck. Derweil steigerte Jeff Bezos sein Privatvermögen in zwölf Monaten um weitere 65 Milliarden Dollar.

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Seattle ist der Ausgangspunkt für die Reise von Alec MacGillis durch ein Land, das sich im tiefgreifendsten Wandel seit der Großen Depression befindet. Der Niedergang der Stahl- und Kohleindustrien mit ihren sicheren Jobs und einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft hat die einst prosperierende Mittelschicht ausgehöhlt; „Topografie der Ungleichheit“ nennt MacGillis die Landkarte der Einkommensverhältnisse in seinem Buch „Ausgeliefert“.

Der analytische Fehler bestehe darin, so MacGillis, stets auf die Diskrepanz zwischen den „Ein-Prozentern“ und dem Rest der Erwerbstätigen hinzuweisen. Viel besorgniserregender seien die wachsenden regionalen Unterschiede, auf die Donald Trump 2016 seinen Wahlkampf stützte.

Amazons Erfolge spielten auch ihm in die Hände. Ex-Präsident Trump, bei einer Rally in Orlando, 2020.

Ein gutes Dutzend US-Metropolen haben von der Steuer- und Deregulierungspolitik sowohl der Republikaner als auch der Demokraten profitiert. Sie liegen fast ausnahmslos an den (wohlgemerkt: überwiegend demokratisch regierten) Küsten; „Winner-takes-all-Städte“ nennt MacGillis sie.

Amazon mischt in dem Städtemonopoly in vorderster Reihe mit. 2017 rief Jeff Bezos einen Bieterwettstreit um den Sitz einer zweiten Firmenzentrale aus, die MacGillis mit der Castingshow „The Bachelor“ vergleicht. Es gewinnt, wer dem Konzern mit den größten Steuerbegünstigungen entgegen kommt. Geld, das dann den zunehmend klammen Kommunen fehlt.

Solch ein Vorgehen ist längst Normalität, aber Amazons Methoden sind besonders dreist. Die Verträge enthalten Schweigeklauseln, sie verschleiern Absprachen und die Verantwortlichkeit der Politik.

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Die deutsche Ausgabe von MacGillis’ Buch nennt den Onlinehändler explizit beim Namen, der englische Titel ist da ironischer: „Fulfillment“, ein Begriff aus der Transportlogistik. Fulfillment Center lautet die euphemistische Bezeichnung für die riesigen Logistikzentren, in denen alles von Bürobedarf über Hautcremes bis Katzenfutter verfrachtet wird. MacGillis beschreibt in „Ausgeliefert“, wie die konsumistische Erfüllung zum Albtraum einer ganzen Gesellschaft wird.
Extreme Arbeitsbedingungen für Hungerlöhne

In einer Kleinstadt bei Denver hat er den IT-Spezialisten Hector Torrez getroffen, der nach elf Jahren Arbeitslosigkeit einen Job in einem der über 100 Warenlager findet und nach dem Ausbruch der Pandemie Extraschichten schieben muss – obwohl sich das Virus längst in der Belegschaft ausbreitet.

In Baltimore porträtiert er den ehemaligen Stahlarbeiter Bill Bodani, der mit über 60 einen schlecht bezahlten Job in einem Amazon-Logistikzentrum annehmen muss; an derselben Stelle, an der wenige Jahre zuvor sein früherer Arbeitgeber Bethlehem Steel eine der größten Fabriken an der Ostküste betrieb.

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Für Bodani war die Rückkehr dennoch ein schwacher Trost, angesichts eines um sich greifenden Gefühls der Entwurzelung. „Ich hab fast mein ganzes Leben da verbracht“, erzählt er MacGillis. „Das fühlt sich an, wie zu Hause zu sein.“

Ein Pärchen aus Ohio übernachtet in einer Notunterkunft, weil sein Job in einer Kartonfabrik, deren größter Kunde Amazon ist, nicht mal für eine Wohnung reicht. Etwa zur gleichen Zeit kämpfen Katie Wilson und Lisa Herbold in Seattle für die Einführung einer Unternehmenssteuer, die die Wohnungsnot lindern soll.

Seit Monaten kursieren Berichte darüber, dass Mitarbeiter in Flaschen pinkeln müssen, weil sie nicht genug Zeit haben, um auf die Toilette zu gehen. Amazon bestreitet das.

Doch die Gegenkampagne von Amazon und der Wirtschaftslobby (wozu auch die Doku „Seattle is Dying“ gehört) findet in der Bevölkerung aber auch bei den Gewerkschaften breite Unterstützung.

Bezos’ Drohung, sein Geschäft abzuziehen, wirkt. Mehr noch: Ihm gelingt es, den Stadtrat davon zu überzeugen, dass Amazon zum Wohl des Gemeinwesens handelt.

„Ausgeliefert“ ist die Zustandsbeschreibung eines Landes, in dem eine Handvoll Konzerne unverhältnismäßig viel politische Macht vereinen. MacGillis holt weit in die amerikanische Wirtschafts- und Fiskalpolitik aus, um die historischen Prozesse in den Biografien der von ihm porträtierten Menschen zu veranschaulichen.

Amazon ist als Erklärungsmodell so hilfreich, weil der Konzern alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt. In den USA laufen die Regierungsserver auf der Cloud-Computing-Plattform Amazon Web Services, in Deutschland die von Netflix und Zalando. Amazon produziert Kinofilme und verdrängt den Einzelhandel systematisch aus den Innenstädten. So sieht das big picture aus.

Die Auswirkungen im Kleinen beschreibt MacGillis im akribischen, „New Yorker“-typischen Reportagestil. Aber seine Prosa suhlt sich nicht in blumiger Selbstergriffenheit, sie bleibt journalistisch sachlich. Genau der richtige Ton für diese „American Horror Story“, die Europa eine Warnung sein sollte.
https://plus.tagesspiegel.de/kultur/ame ... 25618.html
Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.
(Oscar Wilde)
Gruß
erpie

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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von Hoellenvaart » Dienstag 6. April 2021, 23:06

https://www.youtube.com/watch?v=4s_yuY-cVxM

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.“ :twisted:
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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von Txomin_Gurrutxaga » Mittwoch 7. April 2021, 10:51

Amerika?

Dortmund oder Bad Hersfeld - Hauptsache Italien.
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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von Eckfahnenfan » Mittwoch 7. April 2021, 12:08

Hoellenvaart hat geschrieben:
Dienstag 6. April 2021, 23:06
https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... r-konzerne

man darf gespannt sein.
Wieso?
Der "ideelle Gesamtkapitalist" (Marx-Engels-Werke, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. MEW 19, S.222)
macht seine Arbeit. Mehr ist da nicht. Das Übel bleibt.
"Mit mir wäre 1974 Holland und damit nur ein Deutscher Weltmeister geworden." (Ente Lippens)

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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von GaviaoDF » Mittwoch 7. April 2021, 17:16

Eckfahnenfan hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 12:08
Hoellenvaart hat geschrieben:
Dienstag 6. April 2021, 23:06
https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... r-konzerne

man darf gespannt sein.
Wieso?
Der "ideelle Gesamtkapitalist" (Marx-Engels-Werke, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. MEW 19, S.222)
macht seine Arbeit. Mehr ist da nicht. Das Übel bleibt.
Blubb.
"Klar. Ich hätte das selber machen können (in die Politik zu gehen), aber dazu fehlte mir bisweilen im Leben der Mut, die Egomanie, die Zeit u. auch Vitamin B."

Quelle: Wer wohl?

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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von Eckfahnenfan » Mittwoch 7. April 2021, 22:47

GaviaoDF hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 17:16
Eckfahnenfan hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 12:08
Hoellenvaart hat geschrieben:
Dienstag 6. April 2021, 23:06
https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... r-konzerne

man darf gespannt sein.
Wieso?
Der "ideelle Gesamtkapitalist" (Marx-Engels-Werke, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. MEW 19, S.222)
macht seine Arbeit. Mehr ist da nicht. Das Übel bleibt.
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Sieh einer an, der Abspritzer mal wieder unterwegs.
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Re: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon“.

Beitrag von GaviaoDF » Donnerstag 8. April 2021, 06:58

Eckfahnenfan hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 22:47
GaviaoDF hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 17:16
Eckfahnenfan hat geschrieben:
Mittwoch 7. April 2021, 12:08


Wieso?
Der "ideelle Gesamtkapitalist" (Marx-Engels-Werke, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. MEW 19, S.222)
macht seine Arbeit. Mehr ist da nicht. Das Übel bleibt.
Blubb.
Sieh einer an, der Abspritzer mal wieder unterwegs.
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"Klar. Ich hätte das selber machen können (in die Politik zu gehen), aber dazu fehlte mir bisweilen im Leben der Mut, die Egomanie, die Zeit u. auch Vitamin B."

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